John McPhee’s Strukturtipps

You can build a strong, sound, and artful structure. You can build a structure in such a way that it causes people to want to keep turning pages. A compelling structure in nonfiction can have an attracting effect analogous to a story line in fiction.”

In Europa weitgehend unbekannt, in der Schweiz höchstens für seine Reportage über unsere Milizarmee aus dem Jahr 1984 den Sicherheitspolitikern ein Begriff, ist John McPhee mittlerweile der amerikanische Nonfiction-Übervater. Seine Schreibkurse in Princeton sind legendär und haben amerikanische Gegenwartsautoren wie David Remnick, Eric Schlosser oder Richard Preston hervorgebracht. Einige Tipps aus diesen Schreibkursen teilte McPhee vor Jahresfrist im New Yorker in einem langen Essay. Weitere Einblicke in sein Schaffen gibt er in einem Autoreninterview mit dem Paris Review.

I don’t think you can put yourself in other people’s positions. Nor should you. All you can do is occupy your own, as fully as possible, and say that you are trying to imagine what it’s like to be someone else, but say it’s you who’s imagining it, and that’s all.
I studied Comparative Literature at Cornell. Structuralism was real big then. The idea of reading and writing as being this language game. There’s a lot of appeal to that. It’s nice to think of it as this playful kind of thing. But I think that another way to look at it is, “Look, I just want to be sincere. I want to write something and make you feel something and maybe you will go out and do something.” And it seems that the world is in such a bad shape now that we don’t have time to do nothing but language games. That’s how it seems to me.
William T. Vollmann

Der stille Tod

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Endlich! Vor wenigen Tagen druckte die Basler TagesWoche meine Reportage über illegale Wolfsjagd in Schweden. Die Story gibt’s noch eine Weile am Kiosk, danach auch online. Dort ist sie etwas umfangreicher.

Dass in den weiten Wäldern Schwedens Wölfe leben, wusste ich seit meinem Austauschjahr in Borlänge 2001/2002. Dass sie die Schweden aber derart stark spalteten, dass die ruhigen Nordländer einander mit dem Tod drohten, Windschutzscheiben einschlugen und Autopneus aufschlitzten, überraschte mich elf Jahre später dann doch. Im schwedischen Magazin Filter las ich ein Interview mit Conny Andersson, einem ehemaligen Polizisten, der nun anscheinend mit Freunden in den Wäldern patroullierte, um die Wölfe vor ausgelegten Fallen und Giftködern zu schützen. Die illegale Jagd auf Wölfe schien tatsächlich weit verbreitet. Schwedische Biologen konnten das Ausmass allerdings bloss errechnen, weil die Tiere spurlos verschwanden. Die Forscher nannten dieses Verschwinden in einem Fachjournal “cryptic poaching”.

Zum Zeitpunkt des Beginns meiner Recherchen im Winter 2012/2013 waren bereits zwei Dokumentarfilme zum Thema ausgestrahlt worden. Während die schwedische Doku “Vargkriget” (als Serie auf Youtube) eine kompromisslose Wildererbewegung porträtiert hatte, hatte sich der norwegische Film “Ulvemysteriet” (als Serie auf Youtube: 1,2,3,4,5,6.) mit einem möglichen Grund dafür beschäftigt: der illegalen Einfuhr der Tiere.

Es erschien als eine Verschwörungstheorie, die neben einiger Fantasie auch durchaus solider Grundlagen nicht entbehrte, wie die Doku zeigte und wie auch meine weiteren Recherchen vor Ort in Värmland später bestätigen sollten. Doch die konkreten Beweise dafür fehlten damals (und tun es noch heute). Mögliche Verantwortliche wie auch Zeugen hatten geschwiegen. Umso erstaunlicher, dass die schwedische Regierung keine offizielle Untersuchung veranlasst hatte. Doch so sehr mich dieses Rätsel auch faszinierte, es zu lösen lag nicht drin. Zudem interessierte mich etwas noch mehr als die Theorie: die Menschen hinter dem aktuellen Konflikt. 

Also reiste ich Ende August 2013 für drei Wochen nach Schweden, wo ich zuerst in Stockholm die Leute des Anti Poaching Unit traf. Ihr Leiter Conny Andersson, der mir eine Patrouille vermittelte, erschien mir als eine spannende Persönlichkeit, die es ausgezeichnet versteht, Leute jeglicher Couleur für den aktiven Wolfsschutz zu begeistern. Dann wollte ich jedoch auch herausfinden, ob die Wilderer tatsächlich brutale Tierhasser waren. Ich hatte mit Leuten in Furudal in Mittelschweden Kontakt aufgenommen und mein Interesse an der illegalen Jagd angemeldet. Doch Fragen nach konkreten Treffen mit Wilderern waren unbeantwortet geblieben. Es sollte sich erst vor Ort zeigen, ob es sie dort gab, ob sie mich treffen wollten und wer diese Leute wirklich waren. Die Antworten auf diese Fragen erhielt ich dann schneller als erwartet. Dafür waren sie um einiges komplizierter.

Vom schwedischen Wolfskonflikt gäbe es unzählige Geschichten zu erzählen: Das Versagen der Regierung und der Medien, die Kapitulation der Justiz. Mich verstörte hingegen am meisten, dass sich nun in den schwedischen Wäldern Menschen bekämpfen, obschon sie so unähnlich gar nicht sind. Es sind Menschen, die die Natur und Tiere lieben, die gesellschaftlich Verantwortung übernehmen, sich engagieren, Zivilcourage zeigen. Menschen allerdings auch, die einander nicht verstehen. Oder vielleicht – nach einer allzu langen Zeit der fruchtlosen Diskussionen – nicht mehr verstehen wollen.

Für die Zusammenarbeit mit der TagesWoche möchte ich mich noch bei Remo Leupin und Amir Mustedanagic bedanken. Dank gebührt auch Daniel Puntas Bernet und Lucas Hugelshofer von Reportagen für konzeptionellen Beistand und Ermutigung, wie auch Andres Eberhard und Cédric Perriard fürs Lektorat.

Wie wir werden

Dieser Artikel erschien am 30. Dezember 2012 in der Südostschweiz am Sonntag.

"Leben, Karma, was auch immer."

Apple-CEO Steve Jobs hatte sich für einmal sich angepasst. Roter Kragen, schwarzer Umhang. Edles Gewand, kein Rollkragenpullover. Er wirkte gesund und schaute auf ein schwarz-weisses Meer junger Menschen in Talaren und mit Baretten. Die Diplomfeier der Elite-Uni im kalifornischen Stanford im Sommer 2005. Unter gleissender Sonne erzählte er übers Mikrofon des Football-Stadions von seinem Kalligrafieunterricht und von der Kündigung durch Apple.

Dann, nach etwa neun Minuten, begann er vom Tod zu sprechen: „Als ich 17 war, las ich ein Zitat. Es lautete in etwa so: „Wenn du jeden Tag lebst, als wäre es dein letzter, wirst du irgendwann sicherlich richtig leben“. Es beeindruckte mich und seither habe ich jeden Morgen in den Spiegel geschaut und mich gefragt: „Wäre heute mein letzter Tag, würde ich tun wollen, was ich heute tun werde?“ Wann immer mir auffiel, dass ich diese Frage an zu vielen aufeinanderfolgenden Morgen mit „Nein“ beantwortet hatte, wusste ich, dass ich etwas ändern musste.“

Ein Jahr zuvor war bei Jobs Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert worden. Er habe noch wenige Monate zu leben, hiess es, bevor er doch geheilt werden konnte. Jobs schloss daraus: Vor der Tatsache unserer Sterblichkeit sei das allerwichtigste, den Mut zu haben, der eigenen Leidenschaft und Intuition zu folgen. Sie wüssten, was wir wirklich werden wollten. „Alles andere ist sekundär“, sagte er. Die Absolventen klatschten höflich. Jobs gönnte sich einen Schluck aus der Wasserflasche. Etwas mehr als sechs Jahre später starb er als einer der erfolgreichsten Unternehmer aller Zeiten doch an Krebs. 

Ob Steve Jobs tatsächlich so erfolgreich war, weil er jeden Morgen den Spiegel fragte und so seine Leidenschaft fand, ist kaum zu ergründen. Interessant ist vielmehr, dass Jobs wohl nichts auf Neujahrsvorsätzen hielt. Die Idee, dass wir uns nur zum Jahresende „besinnen“ und uns vornehmen, etwas in unserem Leben zu ändern, musste ihm lächerlich erschienen sein. Ganz besonders im Bewusstsein, dass – rein hypothetisch – jeder Tag unser letzter sein könnte. Krebs, Unfall, das Herz.

Evaluieren, ob man das Richtige tut, kann man nur, wenn man eine Vorstellung vom Richtigen hat. Wenn man weiss, was man will. Die Idee, dass wir Menschen selber mit einem derartigen Sinn ausgestattet sind, entstand im 18. Jahrhundert. Jean-Jacques Rousseau sprach von einem „Gefühl des Daseins“, Johann Gottfried Herder schrieb: „Jeder Mensch hat ein eigenes Mass, gleichsam eine eigne Stimmung aller seiner sinnlichen Gefühle zu einander.“ In der Philosophie heisst diese Idee Authentizität. Kurz: Es gibt für uns als Menschen eine bestimmte Weise, uns selbst zu sein. Eine Weise, die nur unsere jeweils eigene ist.

Wie finden wir denn nun diese bestimmte Weise? Und wie nutzen wir sie als Ziel unserer persönlichen Entwicklung, sofern wir das Ideal der Authentizität als anstrebenswert erachten? Tatsache ist, dass wir nur einen Teil unseres Selbst mitentwickeln können. Dass wir durch Gene und Erziehung geprägt sind. Und dass uns auch fremde Einflüsse im Alltag in Richtungen zerren, uns ständig verändern. Ein Jobangebot, Avancen eines Unbekannten. Doch selbstverständlich können wir zu einem bestimmten Grad auch, was Steve Jobs angeblich konnte: Wir können uns zu einem gewissen Grad selbst werden. Entwicklungspsychologen sprechen von „gezielten Entwicklungshandlungen“.

Der Mann, welcher sich vornimmt, abzunehmen und deshalb einer Turngruppe beitritt, welche zweimal wöchentlich Sport treibt, nimmt seine Entwicklung in die Hand. Die junge Frau, welche im Abendkurs Schwedisch lernt und die Senioren, welche Gedächtnisübungen machen, tun das ebenfalls. Diese Entwicklungshandlungen führen häufig und im Idealfall ans Ziel. Der Mann verliert Gewicht, die Frau lernt Schwedisch, die Senioren vergessen seltener, die Haustür abzuschliessen.

Alle sollten sie jedoch davon ausgehen, dass ihre Handlungen auch Nebenwirkungen haben, wie der Schweizer Entwicklungspsychologe August Flammer schreibt. Ja sogar, dass diese Nebenwirkungen ganz sicher zahlreicher sind als die beabsichtigten Wirkungen. So lernt der Mann in der Turngruppe vielleicht endlich eine Frau kennen. So entdeckt die junge Frau eventuell ihr Sprachtalent und entscheidet sich für ein Hochschulstudium. So wecken die Kreuzworträtsel möglicherweise die Reiselust der Senioren. Häufig sind diese unbeabsichtigten Nebenwirkungen gar bedeutender als das Erreichen des ursprünglichen Entwicklungsziels.

Vor dem Hintergrund dieser Ungewissheit gewinnt die eigene Überzeugung an Bedeutung. Wer daran glaubt, dass bewusste Entwicklungshandlungen Positives bewirken, wenn auch nur als ungewisse Nebenwirkung, hat eher den Mut etwas zu ändern, wenn der Blick in den Spiegel unbefriedigend ausfällt. Psychologische Studien aus den Achtzigerjahren ergaben, dass die Befragten weniger an die eigene Veränderbarkeit glaubten, je älter sie waren. Gleichzeitig nahmen resignative, depressive Haltungen mit dem Alter zu. Das könnte aber auch nur eine Momentaufnahme, ein Generationenphänomen gewesen sein.

Entscheidender als das Alter sei in dieser Frage deshalb die Kultur. Das sagt der niederländische Psychologe Geert Hofstede. Mittels unzähliger Befragungen auf der ganzen Welt versuchte er, Kulturen nach festgelegten Charakteristika zu unterscheiden. Eines davon nennt er Unsicherheitsvermeidung. Wir Schweizer seien da zurückhaltend, meint er. Sicherheit und Pünktlichkeit genössen einen hohen Stellenwert. Innovation würde so gehemmt. Anders Steve Jobs’ Geburtsland USA. Etwas Neues zu versuchen sei dort viel stärker akzeptiert.

Wichtig ist also die Einsicht, dass die persönliche Entwicklung in erheblichem Mass davon abhängt, wie stark man davon überzeugt ist, seines eigenen Glückes Schmied sein zu können. Und dass diese Überzeugung von unserem soziokulturellen Umfeld geprägt ist. Die Suche nach dem eigenen „Gefühl des Daseins“ wird so zur harten Kopfarbeit, wäre es doch wirklich viel bequemer, man hätte moralische Leitplanken, ein klares Menschenbild, eine bereits fertige Vorstellung dessen was wir sein sollten.

Für die Entwicklungspsychologen ist Entwicklungsarbeit eine Frage der Dosis, der Balance. Im Idealfall sind wir erfolgreiche Tänzer auf dem Hochseil unseres eigenen Lebens. Trauen wir uns zu viel zu, vergrämen wir möglicherweise unsere Liebsten, frustrieren uns durch den Misserfolg selbst. Sind wir zu ängstlich, zu bequem, gelten wir als faule Langweiler und bereuen möglicherweise später, nicht mehr Risiken eingegangen zu sein. Sei es in der Ausbildung, im Job, in der Liebe, der Freizeitgestaltung.

Um diesen Balanceakt zu beherrschen, bedarf es nach dem US-amerikanischen Literaturwissenschaftler William Deresiewicz zweier Dinge: Abgeschiedenheit und Freundschaft. Als Abgeschiedenheit meint er das Alleinsein mit den eigenen Gedanken. Nur so könnten innere Überzeugungen entstehen, welche uns dabei stützten, für uns richtige Entscheidungen zu treffen. Dazu müssten wir einfach lernen, uns lange genug auf etwas zu konzentrieren, um eine eigene Vorstellung davon zu bekommen. Konzentrieren. Sich zusammennehmen. Das Gegenteil von Zerstreuung.

Mit Freundschaft meint Deresiewicz die tiefe Freundschaft intimer Konversation. „Lange, ununterbrochene Gespräche mit einer anderen Person.“ Gespräche, in welchen man sich sicher genug fühlt, sich Eingeständnisse zu machen, Zweifel zu äussern, oder sensible Fragen zu stellen. Für Deresiewicz ist das nichts anderes als laut zu denken. Lautes und leises Denken, Freundschaft und Abgeschiedenheit, würden uns helfen, eigene Überzeugungen zu entwickeln, sagt er.

Gute Hochseiltänzer haben solche eigenen Überzeugungen als Balancierstangen. Diese helfen ihnen, ihre Schritte zu stabilisieren. Und sie wissen: Wie stark sie diese ausbalancieren müssen, zeigt sich immer erst im Rückblick. Was Steve Jobs an diesem heissen Junitag im 2005 in Stanford noch sagte: „Ihr müsst einfach vertrauen. In euer Bauchgefühl, Schicksal, das Leben, Karma, was auch immer.“

"I am at the belief that much of what we do as writers is… personally driven."

Tom Junod vom Esquire in seiner Keynote an der Power for Storytelling-Konferenz in Bukarest über die Konflikte des Erzählers in Magazin-Features.

Geschichten, Geschichten

Albrecht Koschorke, Professor für Literaturwissenschaft an der Uni Konstanz hat eine Allgemeine Erzähltheorie formuliert. Im aufschlussreichen Gespräch mit Kolja Mensing von Deutschlandradio Kultur erklärt er, weshalb Literaturwissenschaftler gesellschaftliche Phänomene analysieren können und weshalb Aussagen und ganze Geschichten als Kausalzusammenhänge immer auch als “wahr” oder “falsch” markiert werden können. Sehr hörenswert!

Die letzten beiden Wochen arbeitete ich an einem Paper über Macht in der fünften Staffel von The Wire. Ja, ich beschäftigte mich mit Foucault. Und ja, ich benutzte McNulty als Beispiel. Dabei stolperte ich über dieses sensationelle Video-Essay des norwegischen Medienwissenschaftlers Erlend Lavik. Wer The Wire mag, muss dieses Essay lieben.

"It’s not the illegals I’m after. They’re secondary to me. It’s the dope." Short-Doku aus dem Grenzland zwischen den USA und Mexiko.

Mich nervt, dass gewissen Familienmitgliedern ihr Platz streitig gemacht wird, als hätten sie den Namen nicht verdient.

Julian Schmidli, Redaktor Sonntagszeitung, wird am Reporterforum in Hamburg seinen Frust über verknöcherte Strukturen in den Medien los. (via medienwoche).

Ich kann mich Julian nur anschliessen. Mehr Mobilität! Mehr Demokratie! Mehr Offenheit! Im Kern heisst das: Ein breiteres Verständnis von Journalismus, etwa als Sammlung pointierter Aussagen über die Wirklichkeit.

explore-blog:

In his fantastic SVA commencement address on the false division between “high” and “low” culture, critic Greil Marcus adds to history’s finest definitions of art.

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In his fantastic SVA commencement address on the false division between “high” and “low” culture, critic Greil Marcus adds to history’s finest definitions of art.

Das Gloria-Komplott

Unsere Recherchen zu Gloria TV resultierten kürzlich in einem Artikel für die österreichischen Seiten der ZEIT. Da ich in den Ferien weilte, übernahm Joel Bedetti den Löwenanteil der finalen Recherche- und Aufbereitungsarbeit. Zu lesen gibt es den Artikel online hier.

Das Cover des aktuellen Harper’s Magazine mit “The Way Of All Flesh” von Ted Conover.

Das Cover des aktuellen Harper’s Magazine mit “The Way Of All Flesh” von Ted Conover.

There’s never been much love lost between literature and the marketplace. The consumer economy loves a product that sells at a premium, wears out quickly or is susceptible to regular improvement, and offers with each improvement some marginal gain in usefulness. To an economy like this, news that stays news is not merely an inferior product; it’s an antithetical product. A classic work of literature is inexpensive, infinitely reusable, and, worst of all, unimprovable.
Jonathan Franzen in seinem bemerkenswerten Essay Why Bother?.