Eine digitale Genossenschaft für Journalismus

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Das US-Startup Civil will mit einer neuen Online-Plattform den Journalismus weltweit verändern. Das ambitionierte Projekt nutzt die Blockchain, um darauf eine digitale Genossenschaft zu bauen. Anders als bei Kryptowährungen funktionieren die Tokens hier als eine Art Anteilscheine, die zu Teilnahme statt Spekulation animieren sollen. Ab 13. August 2018 werden die Tokens geschöpft, die bis zu 32 Millionen US-Dollar Startkapital generieren sollen. Für die Medienwoche habe ich die Leute hinter dem Projekt getroffen.

„Der Erzähljournalismus ist in Wellen gekommen“

Bild © Thomas Schmidt

Interview mit Thomas R. Schmidt. Der Österreicher ist Postdoctoral Fellow am Agora Journalism Center der University of Oregon in Portland (USA). Zuvor war er als Journalist für diverse österreichische Medien (u.a. ORF, Kleine Zeitung) tätig. Er lebt in Boise, Idaho.

Das Interview erschien in gekürzter Form im Schweizer Journalist 6/7, 2018.

Pascal Sigg: Erzähljournalismus erfährt gerade einen Boom. Woher kommt er?

Thomas Schmidt: Er geht sowohl in den USA wie auch in Europa bis ins 19. Jahrhundert zurück. Damals begannen Tageszeitungen emotionale Geschichten über soziale Ungleichheit und Verbrechen insbesondere in Grossstädten zu erzählen. In den 1920ern ist diese Welle aber wieder verebbt.

Weshalb?

In den USA fand damals eine Professionalisierung des Journalismus mit stärkerer Abgrenzung von der Literatur statt. Dabei setzte sich eine nüchterne Erzählweise durch, die ganz gezielt auf Objektivität und Distanziertheit fokussiert war. Frühere Erzählformen gerieten in den Hintergrund. Einen neuen Aufschwung bekam das journalistische Erzählen dann in den Sechzigern und Siebzigern.

Mit dem New Journalism?

Ja, aber nicht nur in den Magazinen. Gerade auch JournalistInnen in Tageszeitungen haben aktiv daran gearbeitet, das Erzählen im Zeitungsalltag zu etablieren.

Wie ist das abgelaufen?

Die Erzählfunken aus den Magazinen wurden von Chefs mit Magazinerfahrung wie Ben Bradlee bei der Washington Post in die Zeitungen getragen. Er baute den Stil-Bund in eine Art Magazin innerhalb der Zeitung um. Das hatte Signalwirkung. In den 80ern begannen sich die Journalisten zu organisieren und in Workshops und Konferenzen auszutauschen.

Mit welcher Begründung wurde dafür Geld eingesetzt?

Das Argument war immer: Der alte Journalismus ist nicht mehr zeitgemäss, wir müssen etwas Neues machen. Neu hiess damals: bessere Geschichten erzählen. Einerseits wurde auf den Stärken des Journalismus wie guter Recherche und faktenbasierter Arbeit aufgebaut, diese wollte man andererseits aber besser verkaufen. Also nicht einfach nur ein Protokoll oder eine Chronik abladen, sondern aktiv erzählen.

Stiessen diese Initiativen nicht auf Widerstände?

Doch, klar. Aber die Journalisten haben gesehen, dass die Geschichten einfach auch ziehen. Nicht überall und nicht die ganze Zeit, aber doch in einem bestimmten Ausmass und Kontext möchten die Leute diese Geschichten lesen. Im Vergleich zur Erzählwelle im 19. Jahrhundert, wo Zeitungen neuere, freiere Experimentierfelder mit schwächerer Abgrenzung zur Literatur waren, war dies erstmals ein bewusster aktiver Sinneswandel.

Was war dabei entscheidend?

Dass zunächst immer noch genug Geld vorhanden war. Zeitungen konnten Journalisten längere Zeit an einer Geschichte arbeiten lassen, weil das einfach Geschäftsstrategie war. So entstand dann zusehends eine immer grössere Sinnesgemeinschaft der erzählerischen JournalistInnen mit einer kritischen Masse, die auch Plattformen fand. So wurden Institutionen und Strukturen wie beispielsweise das Poynter Institute in Florida geschaffen, die bis heute Bestand haben.

Wieso hält sich diese Erzählwelle bis heute?

Der Erzähljournalismus ist in Wellen gekommen, die alle auf gesellschaftlichen Wandel reagierten. Im 19. Jahrhundert reagierten Journalisten auf die Industrialisierung der Lebenswelt, in den 1960ern auf politische und kulturelle Umwälzungen. Gleichzeitig beförderten Journalisten auch den Wandel, indem sie andere Geschichten zu neuen Themen erzählten. Heute sehen wir eher ein Überborden der Information und damit verbunden das Bedürfnis sowohl des Journalismus wie auch von Teilen des Publikums, intimere Kommunikationsbeziehungen z.B. mit Podcasts zu schaffen.

Die Erzählwelle

Erschienen in: Schweizer Journalist 6/7 2018.

In den grossen Medienunternehmen der USA hat sich der Erzähljournalismus etabliert. Eine Welle der journalistischen Narration hat nun via Deutschland auch die Schweiz erfasst. Ist sie bloss kreativer Impuls oder Beginn eines Umbruchs?

Nur die grossen Banner wärmen die grauen Wände und die Luft ist etwas zu kühl in der Konferenzhalle der Boston University mitten in der Stadt, gleich am Charles River. Aus den ganzen USA sind die JournalistInnen angereist. Eine Gruppe aus Norwegen ist hier, Schweden, Engländer, Holländerinnen, Südamerikaner, Asiatinnen, Afrika sind vertreten. Es ist Ende März 2018, im Land dessen Präsident den Journalismus zum Staatsfeind erklärt hat und doch ist die Stimmung optimistisch. Die Leute in diesem Saal kennen die banale Antwort auf viele Probleme ihrer Branche zu kennen: Die Kraft der Erzählung. Auf dem Hauptpanel der Konferenz sieht Ann Marie Lipinski, Pulitzer-Preisträgerin und Kuratorin der Nieman Foundation, welche an der Harvard Universität den Journalismus vorantreiben will, das Erzählen als neues, aufregendes Paradigma der Zunft: „Es ist freier als die alten, formelhaften Templates, in welchen die Struktur der Artikel fast Abschnitt für Abschnitt vorgegeben war.“ Lydia Polgreen, Chefredakteurin der HuffPost pflichtete ihr bei. Viele investigative Recherchen würden nicht in die klassischen Printartikelformeln passen. Die Hauptthese hier an der „Power of Narrative“-Konferenz 2018: In einer Zeit der Aufmerksamkeitsknappheit und der für viele Medienmarken zunehmenden Wichtigkeit des Lesermarkts bieten faktenbasierte, recherchierte Erzählungen mit Plot, Charakteren, Dialogen und Szenen – egal ob in Text, Bild, oder Ton – einen effektiven Rahmen für journalistische Inhalte. Boston Globe-Chefredaktor Brian McGrory meinte auf dem Podium: „Das Erzählen sollte alles infiltrieren was wir tun.“

Diese Worte hätten auch anderswo fallen können. Erzählen – oder Storytelling – tun heute alle, die überzeugen und verbinden wollen: Die Spin-Doktoren aus den PR-Agenturen, die Grossverteiler, die Politikerinnen, Behörden, die Nachbarinnen, die Taxifahrer, die Hobbybastler auf den Crowdfundingplattformen. Und auch im Journalismus kann Storytelling verschiedene Dinge bedeuten: Das Storytelling-Team der NZZ beispielsweise erzählt nicht zuerst von Menschen, sondern visualisiert Daten. Und hierzulande wird Erzähljournalismus nicht selten auch mit Nabelschauen oder Fiktion assoziiert. In den USA steht die Sache etwas anders. Gewiss könnten Erzählungen auch Feinde der Wahrheit sein, räumte Lydia Polgreen ein: „Narrative die nicht auf einem geteilten Glauben an Fakten basieren, sind gefährlich.“ Trump sei ein meisterhafter Geschichtenerzähler, der sich trotz aller Lügen als überzeugend herausgestellt habe. Gerade deshalb kritisieren sie an der Konferenz in Boston Erzählerscheinungen wie den anekdotischen Lead und sind sich einig: journalistisches Erzählen benötigt nicht weniger, sondern noch mehr Recherchearbeit, noch härtere Fakten.

Näher zur Leserschaft

Dass die Verbindung von Recherche und Erzählung im US-Journalismus eher eine tiefergehende Entwicklung als bloss ein weiterer Trend ist, indizieren aber nicht nur diese Äusserungen und hunderte von JournalistInnen aus unzähligen Ecken und Medien der Welt im selben kühlen Raum. „Die aktuelle Welle geht bis in die 1960er-Jahre zurück“, sagt Thomas Schmidt, der an der University of Oregon unter anderem die Geschichte des US-Erzähljournalismus erforscht (siehe Interview). Ausgehend vom innovativen New Journalism in den Magazinen, welcher seinerseits insbesondere auf den Aufstieg des Fernsehens zum Massenmedium reagierte, fand das Erzählen im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts den Weg in die US-Tageszeitungen. Mark Kramer, der Gründer der Bostoner Konferenz, notierte im Herbst 2000 im Magazin der Nieman Foundation, dass die amerikanische Erzähljournalismusbewegung erstarkt war. Die Gründe verortete er in Geschäftsproblemen der Zeitungen: sinkende Auflagen und Lesezeit, alternde Leserschaft. Im Erzähljournalismus, mit menschlicheren Geschichten erzählt von einer persönlicheren Stimme sahen viele die Chance zu stärkerer, emotionalerer Leserbindung. Gemäss Journalismus-Professor Miles Maguire von der University of Wisconsin lässt sich eine ähnliche Entwicklung am Pulitzerpreis nachlesen. Bereits 1979 erweiterte die Pulitzer-Jury den Preis um die Feature-Kategorie, welche Werke von „hoher literarischer Qualität und Originalität“ auszeichnen sollte. Was damals noch einer neuen Kategorie bedurfte, hat fast 40 Jahre später auch Eingang in die anderen Kategorien gefunden. Gemäss Maguire, der die Gewinner des Preises analysiert hat, ist der mit dem Pulitzer ausgezeichnete Journalismus ganz allgemein literarischer geworden. Besonders szenenhafte Rekonstruktionen und illustrative Details sind heute auch in den siegreichen Artikeln anderer Kategorien zu finden.

In Boston Ende März tauschen die Konferenzteilnehmer ihre Erfolgsrezepte in Workshops und Vorträgen. Wie identifizieren wir relevante Geschichten? Wie recherchieren wir historische Quellen? Wie führen wir ethisch heikle Interviews? Und vor allem immer wieder: Wie erzählen wir das recherchierte Material? ESPN-Journalist Don Van Natta sagte dazu in seiner eröffnenden Keynote: „Wie wenn ihr die Geschichte einem Freund in einer Bar erzählen würdet.“ Dazu braucht es zuerst eine klare Vorstellung dieses Freundes als Leser. Deshalb kommen sie in Boston immer wieder auf die Rolle der Editors zu sprechen. Diese Redakteursrolle, eine Mischung aus Coach, Lektor und Blattmacher, ist im US-Journalismus deutlich häufiger anzutreffen – und wird gerade für erzählenden Journalismus, der aufgrund seiner offeneren Struktur zwar mehr Freiheiten, aber auch weniger Orientierung als traditionelle Formen bietet, als entscheidend betrachtet. Globe-Chefredaktor McGrory auf dem Panel: „Beim Editor trifft man den Leser.“

Lange Texte, minutiöse Rekonstruktionen

Der Schweizer Journalismus führt Diskussionen wie in Boston seit kurzer Zeit wieder intensiver, allerdings bloss punktuell und bestimmt nicht an Universitäten. Das journalistische Erzählen ist hierzulande eine Randerscheinung; verankert nicht in Institutionen, sondern in Individuen und Nischenpublikationen, die hin und wieder Duftmarken setzen, Zwei Monate nach der Bostoner Konferenz treffe ich in einem kleinen Einzelzimmer im Hinterhof des Hotels Rothaus an der Zürcher Langstrasse einen der wenigen Editors im Schweizer Journalismus. Das hier ist sein Büro: Ein Laptop auf dem kleinen Pult, ein schmales Bett, ein Bad mit Dusche, das demnächst zugesperrt wird. In dieser Enge ist Ariel Hauptmeier für die Öffnung von Geschichten zuständig. Textchef ist sein offizieller Titel, doch der Deutsche, der 2008 selber an der Bostoner Konferenz teilnahm, meint: „Ich verstehe mich eher als Coach oder Dramaturg.“ Zusammen mit JournalistInnen hat er beim Online-Magazin Republik Leserinnen und Leser dazu gebracht, stundenlange Geschichten über die USA-Reise zweier Reporterinnen oder das Bündner Baukartell zu lesen. Die Republik-Initianten Christof Moser und Constantin Seibt wollten „grosse Recherchen und grosse Geschichten“ oder „high class longforms“ liefern und nach wenigen Monaten ist klar: Die Republik probiert vom Podcast übers Video-Interview vieles aus, doch beim Erzählen schlägt sie besonders grosse Pflöcke ein.

„Die Leute verschlingen packend erzählte Geschichten, auch wenn sie noch so lang sind“, sagt Hauptmeier. Bereits in seiner Magisterarbeit beschäftigte er sich ausführlich mit Erzähltheorie. Danach besuchte er die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg, ehe er als freier Reporter arbeitete und später eben als das, was die Amerikaner Editor nennen; erst bei „Geo“ dann beim Berliner Recherchenetzwerk Correctiv. Gerade dort stellten sich ihm täglich die Fragen: Wie erzählt man aufwändige, investigative Recherchen? Wie vermittelt man abstrakte, komplexe Geschichten, mit zig Schauplätzen und Personen – wie diejenige zum Abschuss des Passagierflugzeugs MH17 über der Ostukraine? „Eigentlich ist es gar nicht so schwer, eine gute Erzählung zu bauen. Aber das hat sich leider immer noch nicht herumgesprochen. Etwa die Grundregel: Dass Geschichten in Szenen erzählt werden“, so Hauptmeier. Oder: Dass die Wahrheit im sprechenden, klug beobachteten Detail liegt. Die preisgekrönte MH17-Geschichte begann mit einem 50-seitige Rechercheprotokoll, an dem zwei Kollegen drei Monate gearbeitet hatten – und dem sie dann zu dritt Farbe, Dynamik, einen Spannungsbogen einhauchten. Ähnlich war die Arbeit bei der Baukartell-Geschichte. Entscheidend für den Erfolg sei das Zusammenspiel von drei ganz unterschiedlichen Talenten gewesen, von einem Rechercheur, einer Reporterin und Hauptmeier als Dramaturgen. Roter Faden der „Kartell“-Story war die minutiöse Rekonstruktion jenes Tages, an dem der Protagonist von einem Sonderkommando verhaftet und in die Psychiatrie eingeliefert wurde. Hauptmeier: „Rekonstruktionen sind ein starkes Erzählmittel. Ich frage mich, warum es im Journalismus so selten eingesetzt wird.“

Spass, Wertschätzung und Empathie

Ähnliche Fragen stellt sich auch Magazin-Redaktorin Paula Scheidt, als ich sie am selben Tag in einem Café an der Sihl unweit ihres Büros bei der Tamedia treffe. „Ich komme aus der gleichen Zelle wie Ariel“, sagt sie schmunzelnd. Die Deutsche hat zwar in Zürich studiert, doch journalistisch hat sie neben der Berliner Journalistenschule das 2007 von Hauptmeier mitgegründete und vom US-Erzähljournalismus beeinflusste Reporter-Forum stark geprägt. Sie ist Mitinitiantin des 2015 gegründeten Schweizer Reporter-Forums „für alle, die sich fürs Handwerk des Erzählens interessieren“ (Website) und treibende Kraft hinter dem eben erstmals vergebenen Schweizer Reporterpreis, der gezielt gutes Erzählen fördert. Mit dem jeweils in wenigen Tagen ausgebuchten Forum habe sie in Zeiten der Zynismus und Pessimismus hervorrufenden Sparrunden einen Ort für Inspiration, Begeisterung und Spass am Journalismus schaffen wollen, sagt Scheidt. Den Preis hingegen sieht sie als Initiative zur Wertschätzung des Erzählens und als Chance für neue Stimmen, in einer hierarchisch strukturierten Branche voller Platzhirsche wahrgenommen zu werden. „Zu häufig wird Narration hierzulande als Befindlichkeitsjournalismus abgetan.“

Für Scheidt aber scheint Erzähljournalismus vielmehr für offene Experimentation als ein bestimmtes, auf die Verwendung des Personalpronomens der ersten Person Singular reduziertes, Programm zu stehen. „Ich habe mich schreiberisch immer nur für das interessiert, was ich auch selbst am liebsten lese: hintergründige, emotional-intelligente Texte.“ Nach Studium und Journalismusschule war sie ein Jahr lang als freie Journalistin tätig und hat in verschiedenen Funktionen bei der NZZ gearbeitet, ehe ihr eine Stelle als Reporterin beim Magazin angeboten wurde. Heute ist sie dort Redaktorin. Die Arbeit unterscheidet sich zwar von derjenigen als Reporterin, weil sie nicht mehr nur schreibt, sondern auch das Heft konzipiert und Texte freier AutorInnen betreut. Dabei greift sie auf eigene Erfahrungen als Freie zurück. Eine gute Betreuung und ein zuverlässiger Ansprechpartner auf der Redaktion seien für Freie besonders wichtig. “Das braucht viel Empathie, schliesslich handelt es sich bei Magazin-Reportagen oft um hochgradig subjektive Texte und Kritik kann schnell verletzend sein.“ Gerade bei neuen AutorInnen sucht sie aber nach einem eigenen Ton, einer gewissen Dringlichkeit: „Ein Text spricht mich an, wenn ich merke, dass jemand ein Risiko eingegangen ist.“ Deshalb unterscheidet sich ihre Arbeit von Geschichte zu Geschichte: Manchmal beginnt sie mit einer Rückmeldung auf einen eingesandten Text. Oft bespricht sie aber auch von Beginn weg die Rechercheplanung mit ihren JournalistInnen.

Verirrungen und Muster

„Man muss sehr sorgfältig planen“, sagt Hauptmeier, der ebenfalls in je nach Geschichte unterschiedlichen Produktionsstadien zum Zug kommt. „Wenn es mustergültig läuft, stellen wir uns sehr früh auch die Frage, in welcher Form wir eine Geschichte erzählen. Ob es überhaupt ein Text sein muss – und wenn ja, aus welcher Perspektive wir ihn erzählen.“ Doch diesem Anspruch gerecht zu werden gelingt im Alltag nicht immer. „Die erste Fassung unserer Malta-Geschichte zur Ermordung von Daphne Caruana Galizia mussten komplett wir in den Mülleimer werfen – und dann nochmal von vorn beginnen.“ Und bei der zweiten Fassung gab es dann die Schwierigkeit, dass die Recherche mit einer grossen Lücke leben musste – bis heute ist unklar, wer die Drahtzieher hinter dem Mord sind. Und so etwas passiere ja oft. „Man sieht fast nie von Anfang an klar. Oft ist es ein Vorantasten und erst mal mehrmaligem Verirren findet man den Weg.“

Bei all der Ungewissheit scheint es aber doch auch Muster zu geben. Paula Scheidt, die selbst von der emotionalen Sozialreportage über die Auslandrecherche und die politische Inlandgeschichte zum persönlichen Erfahrungsbericht viele verschiedene Formate geschrieben hat, sieht zwei Pole: Auf der einen Seite, die aufwändige Recherche eines komplexen Stoffes, spannend erzählt und verständlich erklärt. Auf der anderen Seite das persönliche Essay, das extrem subjektiv das eigene Leben erforscht. „Einerseits fühlt man sich angesichts der steigenden Informationsflut schnell ohnmächtig, da müssen wir bei komplizierten, aber wichtigen Themen Orientierung bieten. Andererseits hat uns beim Magazin schon immer ausgezeichnet, dass wir klug und mit Witz darüber reflektieren, wie wir leben.“ Für sie werden persönliche Geschichten in einer Zeit von Populismus und Netzhass auch deshalb wichtiger, weil sie unbekannte Lebensrealitäten begreifbar machen und so das Verständnis für andere Mitglieder der Gesellschaft fördern.

Vor diesem Hintergrund ist die Erzähljournalismus-Welle nicht bloss ein Modetrend, sondern transparente journalistische Kommunikation. Sie gesteht ein, dass jeder Artikel ein notwendigerweise unvollendetes Produkt eines Menschen ist, das gelichwohl gelesen werden will. Zumindest für Mitchell Zuckoff, Professor of Narrative Studies an der Boston University ist dies mehr als bloss eine andere Präsentationsform für Fakten. In seinem Konferenz-Schlusswort sagte er: „Wir können der Vernunft widerstehen und wir können den Fakten widerstehen. Der Kraft der Erzählung aber können wir nicht widerstehen, weil sie den Verstand öffnet.“ Wie stark diese Kraft diesmal auch die Zentren des Schweizer Journalismus erfasst, wird sich erst zeigen. Eben erst hat sie an den Rändern ein weiteres Mal eine Welle angestossen.

Some Closure on Texts Highlighted at The Power of Storytelling Conference

Last weekend (March 23–35, 2018), I had the fortune to attend the Power of Storytelling Conference at Boston University. A gathering of reporters, editors and researchers of narrative journalism, it consisted of keynotes, panels, workshops or simple presentations on issues connected to narrativity in journalism, which seems to have become a new paradigm after the internet as crushed formulas that existed in print journalism. During those events, speakers and listeners referred to a wide range of exemplary work. I have tried to assemble some of the mentioned texts that appear to me somewhat tied to the overall experience of the conference. And so while the selection is necessarily influenced by the talks I attended, I try to provide ample reasoning for why the texts are included and be transparent about whether or not I have read them.

So here we go:

  • Don Van Natta’s profile of Dallas Cowboys owner Jerry Jones: Van Natta opened the conference with a keynote in which he emphasized the importance of willpower in journalism. He referred mainly to male figures that influenced him (for which he was subtly criticized, for which he apologized, and to which he added that former New York Times editor-in-chief Jill Abramson was one woman the influenced him greatly). He also spoke about the genesis of his profile of Dallas Cowboys owner Jerry Jones and urged listeners repeatedly to „just read it“. I haven’t yet.
  • Mark Bowden’s Huê 1969 is another work which I haven’t yet read but I have heard Mark talk about it on stage and on the Longform Podcast about finding and interviewing Vietnamese survivors of the battle. Additionally, Mark’s diplomatic yet unambiguous answer to my question regarding his perception of the difference between his book Black Hawk Down (which I have read in its original form as a series published by the Philadelphia Inquirer) and the movie adaptation (which I disliked) makes me kind of want to read the book even though I have only so much time to read books.
  • Bjørn Asle Nord’s „Five Feet Under“ however, I have found time to read since he told me about it on our way to the conference reception on Saturday night. Just recently translated into English, it’s a well-designed and intensely dramatic yet beautiful story of an avalanche in the Norwegian mountains (no, don’t worry, anything but another cheap copy of Snowfall). At the reception, Nord (he organizes a similar conference in Norway) told me that it was inspired by a national debate about Norwegian values and identity and I can see how. I definitely cried repeatedly which doesn’t happen often.
  • Ellen Gabler’s „The Price of Being Wrong“ about the arbitrariness of standards in newborn screenings and one boy’s tragic fate would probably make me cry too, albeit for different, darker reasons. I haven’t read it but plan to do so in the near future. I went to two of her talks in which she not only talked about her work but also cited the following stories as role models for her own work: L.A. Times journalist Chris Goffard’s story about a couple who decides to ruin a woman’s life, Boston Globe reporter Jenna Russell’s story about a man diagnosed with mental illness, Ken Armstrong’s Pulitzer-prize winning „Unbelievable Story of Rape“, and Gene Weingarten’s „The Peekaboo Paradox“ about a clown called „Great Zucchini“, which is the only story here that I have read and remember adoring too.
  • Gabler was only one of a lot of women I way very impressed with at the conference. Another one was a seemingly larger figure. To my shame, I had not heard about Roxane Gay before her appearance on Saturday afternoon. Reading and answering questions on stage, she seemed not only full of much-justified confidence and true knowledge and abundant skills but also driven by an iron will and great courage which truly fascinated me. I certainly intend to pick up „Bad Feminist“ soon and I have just finished „The Price of Black Ambition“ which seems to serve as a good introduction to her work.
  • Unlike my knowledge about Gay, I had heard of Lydia Polgreen before she spoke so eloquently about the meta-narratives competing to influence collective U.S. identity and the importance of civic engagement and solidarity. Unfortunately, her speech is not available to read online (yet?) but in it she referred to a recent story about millennials which Michael Hobbes wrote for her Huffington Post and which has garnered a lot of attention and praise. Another one I haven’t read but saved for later.
  • Similar to Polgreen, Boston Globe reporter Eric Moskowitz exuded a sense of deep understanding of journalistic ethos and passion for his work. In his talk filled with tips about how to use ancestry.com or read historical pictures for clues, he also referred to some of his most popular stories like the one about a Boston streetcar crash in 1916 or the reception of the news of JFK’s assassination in Boston (neither of which I have read) all influenced by deep historical research.

These texts may be just a fraction of the ones highlighted at the conference and even only a small selection of the ones I have taken down. But they are the ones that are most memorably connected to experience of the conference; a necessary closure. And – while I have not yet read them all – I am convinced they may help readers experience the – as conference host Mitchell Zuckoff put it in his closing statement – irresistible power of narrative to open, not close, minds.

Image © Power of Narrative conference, Boston University, College of Communications.