Zurück zum Wolf

Im Spätsommer 2013 hatte ich drei Wochen in Schweden verbracht, wo der Wolf strengstens geschützt war, die Polizei Wolfswilderer mit dem Helikopter verfolgte und Tierschützer im Wald patroullierten. Ich kehrte verwirrt und ob der gesellschaftlichen Spaltung verstört zurück und schrieb eine unwichtige Reportage. Nun, sieben Jahre älter und nur mit dem Hauch einer Ahnung, interessierte mich die Situation in der Schweiz. Ich wollte wissen: Wie steht es um den Herdenschutz am Vorderrhein, wo diesen Sommer alle paar Tage ein Wolf zuschlägt? Und was die Situation dort mit der Revision des Jagdgesetzes zu tun?

In der Abstimmung geht es nur vordergründig um Artenschutz. Vielmehr geht es wie nur selten um die Hoheit über den Raum und besonders die Zeit. Es geht darum, wer bestimmt, was gerade jetzt getan werden soll. Und was getan werden müsste, wenn man jetzt die Zeit anhalten könnte. Es geht darum, wer bestimmt, wo was getan werden soll. Und darum, was überall getan werden müsste. Deswegen entzündete sich die Debatte immer wieder am zentralen Instrument des Zusammenlebens von Mensch und Wolf in der Schweiz: dem Herdenschutz. Und deshalb spähten diesen Sommer gerade viele Augen in die Täler zwischen Chur und Andermatt.

Für das Online-Magazin-Republik habe auch ich mich genauer mit dem Konflikt über dem Vorderrhein befasst. Die Recherche mit dem Titel Im Wolfspelz erschien am 5. September, 2020, drei Wochen vor der Abstimmung.

Ebenfalls lesenswert: Ende Juli publizierte die Stiftung KORA einen umfassenden Bericht über den Wolf in der Schweiz. Darin ist auch alles Wichtige zum Herdenschutz zu finden.

Kurz vor der Abstimmung nahm Kurt Marti für den Infosperber einen Aspekt meines Artikels auf und versuchte etwas Licht in die Rissstatistik des Kantons Graubünden zu bringen. Eine erfreuliche Fortsetzung meiner Recherche, obschon diese Zahlen ganz grundsätzlich nicht besonders viel aussagen. Sie können hauptsächlich Kommunikationsbedürfnisse decken und vermögen die komplexe Realität auf den unterschiedlichen Alpen nicht abzubilden.

Im published and grateful!

Yes! I’m finally published in a serious peer-reviewed academic publication. The physical evidence arrived a few weeks ago in the mail: one copy of the comprehensive Routledge Companion to American Literary Journalism. It features my paper on literary journalism and the postmodern, an early exploration of many of the themes I address in my PhD project. In hindsight, this might turn out to be a milestone – or it might just be a product of critical academic inquiry.

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In any case, I’m tremendously thankful to everybody who made this possible. In particular to the editors William Dow and Roberta Maguire with Yoko Nakamura who simply believed in me when I wasn’t more than a grad student with a master’s thesis on two writers whose work he kind of liked. Once underway, this project got decisive support from Chris Wilson who invited me to pursue invaluable months of research at Boston College and from the Emil Boral Foundation which provided funding via my application for a Doc.Mobility grant (SNF).

Eine digitale Genossenschaft für Journalismus

Bild © Medienwoche

Das US-Startup Civil will mit einer neuen Online-Plattform den Journalismus weltweit verändern. Das ambitionierte Projekt nutzt die Blockchain, um darauf eine digitale Genossenschaft zu bauen. Anders als bei Kryptowährungen funktionieren die Tokens hier als eine Art Anteilscheine, die zu Teilnahme statt Spekulation animieren sollen. Ab 13. August 2018 werden die Tokens geschöpft, die bis zu 32 Millionen US-Dollar Startkapital generieren sollen. Für die Medienwoche habe ich die Leute hinter dem Projekt getroffen.

„Der Erzähljournalismus ist in Wellen gekommen“

Bild © Thomas Schmidt

Interview mit Thomas R. Schmidt. Der Österreicher ist Postdoctoral Fellow am Agora Journalism Center der University of Oregon in Portland (USA). Zuvor war er als Journalist für diverse österreichische Medien (u.a. ORF, Kleine Zeitung) tätig. Er lebt in Boise, Idaho.

Das Interview erschien in gekürzter Form im Schweizer Journalist 6/7, 2018.

Pascal Sigg: Erzähljournalismus erfährt gerade einen Boom. Woher kommt er?

Thomas Schmidt: Er geht sowohl in den USA wie auch in Europa bis ins 19. Jahrhundert zurück. Damals begannen Tageszeitungen emotionale Geschichten über soziale Ungleichheit und Verbrechen insbesondere in Grossstädten zu erzählen. In den 1920ern ist diese Welle aber wieder verebbt.

Weshalb?

In den USA fand damals eine Professionalisierung des Journalismus mit stärkerer Abgrenzung von der Literatur statt. Dabei setzte sich eine nüchterne Erzählweise durch, die ganz gezielt auf Objektivität und Distanziertheit fokussiert war. Frühere Erzählformen gerieten in den Hintergrund. Einen neuen Aufschwung bekam das journalistische Erzählen dann in den Sechzigern und Siebzigern.

Mit dem New Journalism?

Ja, aber nicht nur in den Magazinen. Gerade auch JournalistInnen in Tageszeitungen haben aktiv daran gearbeitet, das Erzählen im Zeitungsalltag zu etablieren.

Wie ist das abgelaufen?

Die Erzählfunken aus den Magazinen wurden von Chefs mit Magazinerfahrung wie Ben Bradlee bei der Washington Post in die Zeitungen getragen. Er baute den Stil-Bund in eine Art Magazin innerhalb der Zeitung um. Das hatte Signalwirkung. In den 80ern begannen sich die Journalisten zu organisieren und in Workshops und Konferenzen auszutauschen.

Mit welcher Begründung wurde dafür Geld eingesetzt?

Das Argument war immer: Der alte Journalismus ist nicht mehr zeitgemäss, wir müssen etwas Neues machen. Neu hiess damals: bessere Geschichten erzählen. Einerseits wurde auf den Stärken des Journalismus wie guter Recherche und faktenbasierter Arbeit aufgebaut, diese wollte man andererseits aber besser verkaufen. Also nicht einfach nur ein Protokoll oder eine Chronik abladen, sondern aktiv erzählen.

Stiessen diese Initiativen nicht auf Widerstände?

Doch, klar. Aber die Journalisten haben gesehen, dass die Geschichten einfach auch ziehen. Nicht überall und nicht die ganze Zeit, aber doch in einem bestimmten Ausmass und Kontext möchten die Leute diese Geschichten lesen. Im Vergleich zur Erzählwelle im 19. Jahrhundert, wo Zeitungen neuere, freiere Experimentierfelder mit schwächerer Abgrenzung zur Literatur waren, war dies erstmals ein bewusster aktiver Sinneswandel.

Was war dabei entscheidend?

Dass zunächst immer noch genug Geld vorhanden war. Zeitungen konnten Journalisten längere Zeit an einer Geschichte arbeiten lassen, weil das einfach Geschäftsstrategie war. So entstand dann zusehends eine immer grössere Sinnesgemeinschaft der erzählerischen JournalistInnen mit einer kritischen Masse, die auch Plattformen fand. So wurden Institutionen und Strukturen wie beispielsweise das Poynter Institute in Florida geschaffen, die bis heute Bestand haben.

Wieso hält sich diese Erzählwelle bis heute?

Der Erzähljournalismus ist in Wellen gekommen, die alle auf gesellschaftlichen Wandel reagierten. Im 19. Jahrhundert reagierten Journalisten auf die Industrialisierung der Lebenswelt, in den 1960ern auf politische und kulturelle Umwälzungen. Gleichzeitig beförderten Journalisten auch den Wandel, indem sie andere Geschichten zu neuen Themen erzählten. Heute sehen wir eher ein Überborden der Information und damit verbunden das Bedürfnis sowohl des Journalismus wie auch von Teilen des Publikums, intimere Kommunikationsbeziehungen z.B. mit Podcasts zu schaffen.

Die Erzählwelle

Erschienen in: Schweizer Journalist 6/7 2018.

In den grossen Medienunternehmen der USA hat sich der Erzähljournalismus etabliert. Eine Welle der journalistischen Narration hat nun via Deutschland auch die Schweiz erfasst. Ist sie bloss kreativer Impuls oder Beginn eines Umbruchs?

Nur die grossen Banner wärmen die grauen Wände und die Luft ist etwas zu kühl in der Konferenzhalle der Boston University mitten in der Stadt, gleich am Charles River. Aus den ganzen USA sind die JournalistInnen angereist. Eine Gruppe aus Norwegen ist hier, Schweden, Engländer, Holländerinnen, Südamerikaner, Asiatinnen, Afrika sind vertreten. Es ist Ende März 2018, im Land dessen Präsident den Journalismus zum Staatsfeind erklärt hat und doch ist die Stimmung optimistisch. Die Leute in diesem Saal kennen die banale Antwort auf viele Probleme ihrer Branche zu kennen: Die Kraft der Erzählung. Auf dem Hauptpanel der Konferenz sieht Ann Marie Lipinski, Pulitzer-Preisträgerin und Kuratorin der Nieman Foundation, welche an der Harvard Universität den Journalismus vorantreiben will, das Erzählen als neues, aufregendes Paradigma der Zunft: „Es ist freier als die alten, formelhaften Templates, in welchen die Struktur der Artikel fast Abschnitt für Abschnitt vorgegeben war.“ Lydia Polgreen, Chefredakteurin der HuffPost pflichtete ihr bei. Viele investigative Recherchen würden nicht in die klassischen Printartikelformeln passen. Die Hauptthese hier an der „Power of Narrative“-Konferenz 2018: In einer Zeit der Aufmerksamkeitsknappheit und der für viele Medienmarken zunehmenden Wichtigkeit des Lesermarkts bieten faktenbasierte, recherchierte Erzählungen mit Plot, Charakteren, Dialogen und Szenen – egal ob in Text, Bild, oder Ton – einen effektiven Rahmen für journalistische Inhalte. Boston Globe-Chefredaktor Brian McGrory meinte auf dem Podium: „Das Erzählen sollte alles infiltrieren was wir tun.“

Diese Worte hätten auch anderswo fallen können. Erzählen – oder Storytelling – tun heute alle, die überzeugen und verbinden wollen: Die Spin-Doktoren aus den PR-Agenturen, die Grossverteiler, die Politikerinnen, Behörden, die Nachbarinnen, die Taxifahrer, die Hobbybastler auf den Crowdfundingplattformen. Und auch im Journalismus kann Storytelling verschiedene Dinge bedeuten: Das Storytelling-Team der NZZ beispielsweise erzählt nicht zuerst von Menschen, sondern visualisiert Daten. Und hierzulande wird Erzähljournalismus nicht selten auch mit Nabelschauen oder Fiktion assoziiert. In den USA steht die Sache etwas anders. Gewiss könnten Erzählungen auch Feinde der Wahrheit sein, räumte Lydia Polgreen ein: „Narrative die nicht auf einem geteilten Glauben an Fakten basieren, sind gefährlich.“ Trump sei ein meisterhafter Geschichtenerzähler, der sich trotz aller Lügen als überzeugend herausgestellt habe. Gerade deshalb kritisieren sie an der Konferenz in Boston Erzählerscheinungen wie den anekdotischen Lead und sind sich einig: journalistisches Erzählen benötigt nicht weniger, sondern noch mehr Recherchearbeit, noch härtere Fakten.

Näher zur Leserschaft

Dass die Verbindung von Recherche und Erzählung im US-Journalismus eher eine tiefergehende Entwicklung als bloss ein weiterer Trend ist, indizieren aber nicht nur diese Äusserungen und hunderte von JournalistInnen aus unzähligen Ecken und Medien der Welt im selben kühlen Raum. „Die aktuelle Welle geht bis in die 1960er-Jahre zurück“, sagt Thomas Schmidt, der an der University of Oregon unter anderem die Geschichte des US-Erzähljournalismus erforscht (siehe Interview). Ausgehend vom innovativen New Journalism in den Magazinen, welcher seinerseits insbesondere auf den Aufstieg des Fernsehens zum Massenmedium reagierte, fand das Erzählen im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts den Weg in die US-Tageszeitungen. Mark Kramer, der Gründer der Bostoner Konferenz, notierte im Herbst 2000 im Magazin der Nieman Foundation, dass die amerikanische Erzähljournalismusbewegung erstarkt war. Die Gründe verortete er in Geschäftsproblemen der Zeitungen: sinkende Auflagen und Lesezeit, alternde Leserschaft. Im Erzähljournalismus, mit menschlicheren Geschichten erzählt von einer persönlicheren Stimme sahen viele die Chance zu stärkerer, emotionalerer Leserbindung. Gemäss Journalismus-Professor Miles Maguire von der University of Wisconsin lässt sich eine ähnliche Entwicklung am Pulitzerpreis nachlesen. Bereits 1979 erweiterte die Pulitzer-Jury den Preis um die Feature-Kategorie, welche Werke von „hoher literarischer Qualität und Originalität“ auszeichnen sollte. Was damals noch einer neuen Kategorie bedurfte, hat fast 40 Jahre später auch Eingang in die anderen Kategorien gefunden. Gemäss Maguire, der die Gewinner des Preises analysiert hat, ist der mit dem Pulitzer ausgezeichnete Journalismus ganz allgemein literarischer geworden. Besonders szenenhafte Rekonstruktionen und illustrative Details sind heute auch in den siegreichen Artikeln anderer Kategorien zu finden.

In Boston Ende März tauschen die Konferenzteilnehmer ihre Erfolgsrezepte in Workshops und Vorträgen. Wie identifizieren wir relevante Geschichten? Wie recherchieren wir historische Quellen? Wie führen wir ethisch heikle Interviews? Und vor allem immer wieder: Wie erzählen wir das recherchierte Material? ESPN-Journalist Don Van Natta sagte dazu in seiner eröffnenden Keynote: „Wie wenn ihr die Geschichte einem Freund in einer Bar erzählen würdet.“ Dazu braucht es zuerst eine klare Vorstellung dieses Freundes als Leser. Deshalb kommen sie in Boston immer wieder auf die Rolle der Editors zu sprechen. Diese Redakteursrolle, eine Mischung aus Coach, Lektor und Blattmacher, ist im US-Journalismus deutlich häufiger anzutreffen – und wird gerade für erzählenden Journalismus, der aufgrund seiner offeneren Struktur zwar mehr Freiheiten, aber auch weniger Orientierung als traditionelle Formen bietet, als entscheidend betrachtet. Globe-Chefredaktor McGrory auf dem Panel: „Beim Editor trifft man den Leser.“

Lange Texte, minutiöse Rekonstruktionen

Der Schweizer Journalismus führt Diskussionen wie in Boston seit kurzer Zeit wieder intensiver, allerdings bloss punktuell und bestimmt nicht an Universitäten. Das journalistische Erzählen ist hierzulande eine Randerscheinung; verankert nicht in Institutionen, sondern in Individuen und Nischenpublikationen, die hin und wieder Duftmarken setzen, Zwei Monate nach der Bostoner Konferenz treffe ich in einem kleinen Einzelzimmer im Hinterhof des Hotels Rothaus an der Zürcher Langstrasse einen der wenigen Editors im Schweizer Journalismus. Das hier ist sein Büro: Ein Laptop auf dem kleinen Pult, ein schmales Bett, ein Bad mit Dusche, das demnächst zugesperrt wird. In dieser Enge ist Ariel Hauptmeier für die Öffnung von Geschichten zuständig. Textchef ist sein offizieller Titel, doch der Deutsche, der 2008 selber an der Bostoner Konferenz teilnahm, meint: „Ich verstehe mich eher als Coach oder Dramaturg.“ Zusammen mit JournalistInnen hat er beim Online-Magazin Republik Leserinnen und Leser dazu gebracht, stundenlange Geschichten über die USA-Reise zweier Reporterinnen oder das Bündner Baukartell zu lesen. Die Republik-Initianten Christof Moser und Constantin Seibt wollten „grosse Recherchen und grosse Geschichten“ oder „high class longforms“ liefern und nach wenigen Monaten ist klar: Die Republik probiert vom Podcast übers Video-Interview vieles aus, doch beim Erzählen schlägt sie besonders grosse Pflöcke ein.

„Die Leute verschlingen packend erzählte Geschichten, auch wenn sie noch so lang sind“, sagt Hauptmeier. Bereits in seiner Magisterarbeit beschäftigte er sich ausführlich mit Erzähltheorie. Danach besuchte er die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg, ehe er als freier Reporter arbeitete und später eben als das, was die Amerikaner Editor nennen; erst bei „Geo“ dann beim Berliner Recherchenetzwerk Correctiv. Gerade dort stellten sich ihm täglich die Fragen: Wie erzählt man aufwändige, investigative Recherchen? Wie vermittelt man abstrakte, komplexe Geschichten, mit zig Schauplätzen und Personen – wie diejenige zum Abschuss des Passagierflugzeugs MH17 über der Ostukraine? „Eigentlich ist es gar nicht so schwer, eine gute Erzählung zu bauen. Aber das hat sich leider immer noch nicht herumgesprochen. Etwa die Grundregel: Dass Geschichten in Szenen erzählt werden“, so Hauptmeier. Oder: Dass die Wahrheit im sprechenden, klug beobachteten Detail liegt. Die preisgekrönte MH17-Geschichte begann mit einem 50-seitige Rechercheprotokoll, an dem zwei Kollegen drei Monate gearbeitet hatten – und dem sie dann zu dritt Farbe, Dynamik, einen Spannungsbogen einhauchten. Ähnlich war die Arbeit bei der Baukartell-Geschichte. Entscheidend für den Erfolg sei das Zusammenspiel von drei ganz unterschiedlichen Talenten gewesen, von einem Rechercheur, einer Reporterin und Hauptmeier als Dramaturgen. Roter Faden der „Kartell“-Story war die minutiöse Rekonstruktion jenes Tages, an dem der Protagonist von einem Sonderkommando verhaftet und in die Psychiatrie eingeliefert wurde. Hauptmeier: „Rekonstruktionen sind ein starkes Erzählmittel. Ich frage mich, warum es im Journalismus so selten eingesetzt wird.“

Spass, Wertschätzung und Empathie

Ähnliche Fragen stellt sich auch Magazin-Redaktorin Paula Scheidt, als ich sie am selben Tag in einem Café an der Sihl unweit ihres Büros bei der Tamedia treffe. „Ich komme aus der gleichen Zelle wie Ariel“, sagt sie schmunzelnd. Die Deutsche hat zwar in Zürich studiert, doch journalistisch hat sie neben der Berliner Journalistenschule das 2007 von Hauptmeier mitgegründete und vom US-Erzähljournalismus beeinflusste Reporter-Forum stark geprägt. Sie ist Mitinitiantin des 2015 gegründeten Schweizer Reporter-Forums „für alle, die sich fürs Handwerk des Erzählens interessieren“ (Website) und treibende Kraft hinter dem eben erstmals vergebenen Schweizer Reporterpreis, der gezielt gutes Erzählen fördert. Mit dem jeweils in wenigen Tagen ausgebuchten Forum habe sie in Zeiten der Zynismus und Pessimismus hervorrufenden Sparrunden einen Ort für Inspiration, Begeisterung und Spass am Journalismus schaffen wollen, sagt Scheidt. Den Preis hingegen sieht sie als Initiative zur Wertschätzung des Erzählens und als Chance für neue Stimmen, in einer hierarchisch strukturierten Branche voller Platzhirsche wahrgenommen zu werden. „Zu häufig wird Narration hierzulande als Befindlichkeitsjournalismus abgetan.“

Für Scheidt aber scheint Erzähljournalismus vielmehr für offene Experimentation als ein bestimmtes, auf die Verwendung des Personalpronomens der ersten Person Singular reduziertes, Programm zu stehen. „Ich habe mich schreiberisch immer nur für das interessiert, was ich auch selbst am liebsten lese: hintergründige, emotional-intelligente Texte.“ Nach Studium und Journalismusschule war sie ein Jahr lang als freie Journalistin tätig und hat in verschiedenen Funktionen bei der NZZ gearbeitet, ehe ihr eine Stelle als Reporterin beim Magazin angeboten wurde. Heute ist sie dort Redaktorin. Die Arbeit unterscheidet sich zwar von derjenigen als Reporterin, weil sie nicht mehr nur schreibt, sondern auch das Heft konzipiert und Texte freier AutorInnen betreut. Dabei greift sie auf eigene Erfahrungen als Freie zurück. Eine gute Betreuung und ein zuverlässiger Ansprechpartner auf der Redaktion seien für Freie besonders wichtig. “Das braucht viel Empathie, schliesslich handelt es sich bei Magazin-Reportagen oft um hochgradig subjektive Texte und Kritik kann schnell verletzend sein.“ Gerade bei neuen AutorInnen sucht sie aber nach einem eigenen Ton, einer gewissen Dringlichkeit: „Ein Text spricht mich an, wenn ich merke, dass jemand ein Risiko eingegangen ist.“ Deshalb unterscheidet sich ihre Arbeit von Geschichte zu Geschichte: Manchmal beginnt sie mit einer Rückmeldung auf einen eingesandten Text. Oft bespricht sie aber auch von Beginn weg die Rechercheplanung mit ihren JournalistInnen.

Verirrungen und Muster

„Man muss sehr sorgfältig planen“, sagt Hauptmeier, der ebenfalls in je nach Geschichte unterschiedlichen Produktionsstadien zum Zug kommt. „Wenn es mustergültig läuft, stellen wir uns sehr früh auch die Frage, in welcher Form wir eine Geschichte erzählen. Ob es überhaupt ein Text sein muss – und wenn ja, aus welcher Perspektive wir ihn erzählen.“ Doch diesem Anspruch gerecht zu werden gelingt im Alltag nicht immer. „Die erste Fassung unserer Malta-Geschichte zur Ermordung von Daphne Caruana Galizia mussten komplett wir in den Mülleimer werfen – und dann nochmal von vorn beginnen.“ Und bei der zweiten Fassung gab es dann die Schwierigkeit, dass die Recherche mit einer grossen Lücke leben musste – bis heute ist unklar, wer die Drahtzieher hinter dem Mord sind. Und so etwas passiere ja oft. „Man sieht fast nie von Anfang an klar. Oft ist es ein Vorantasten und erst mal mehrmaligem Verirren findet man den Weg.“

Bei all der Ungewissheit scheint es aber doch auch Muster zu geben. Paula Scheidt, die selbst von der emotionalen Sozialreportage über die Auslandrecherche und die politische Inlandgeschichte zum persönlichen Erfahrungsbericht viele verschiedene Formate geschrieben hat, sieht zwei Pole: Auf der einen Seite, die aufwändige Recherche eines komplexen Stoffes, spannend erzählt und verständlich erklärt. Auf der anderen Seite das persönliche Essay, das extrem subjektiv das eigene Leben erforscht. „Einerseits fühlt man sich angesichts der steigenden Informationsflut schnell ohnmächtig, da müssen wir bei komplizierten, aber wichtigen Themen Orientierung bieten. Andererseits hat uns beim Magazin schon immer ausgezeichnet, dass wir klug und mit Witz darüber reflektieren, wie wir leben.“ Für sie werden persönliche Geschichten in einer Zeit von Populismus und Netzhass auch deshalb wichtiger, weil sie unbekannte Lebensrealitäten begreifbar machen und so das Verständnis für andere Mitglieder der Gesellschaft fördern.

Vor diesem Hintergrund ist die Erzähljournalismus-Welle nicht bloss ein Modetrend, sondern transparente journalistische Kommunikation. Sie gesteht ein, dass jeder Artikel ein notwendigerweise unvollendetes Produkt eines Menschen ist, das gelichwohl gelesen werden will. Zumindest für Mitchell Zuckoff, Professor of Narrative Studies an der Boston University ist dies mehr als bloss eine andere Präsentationsform für Fakten. In seinem Konferenz-Schlusswort sagte er: „Wir können der Vernunft widerstehen und wir können den Fakten widerstehen. Der Kraft der Erzählung aber können wir nicht widerstehen, weil sie den Verstand öffnet.“ Wie stark diese Kraft diesmal auch die Zentren des Schweizer Journalismus erfasst, wird sich erst zeigen. Eben erst hat sie an den Rändern ein weiteres Mal eine Welle angestossen.

Some Closure on Texts Highlighted at The Power of Storytelling Conference

Last weekend (March 23–35, 2018), I had the fortune to attend the Power of Storytelling Conference at Boston University. A gathering of reporters, editors and researchers of narrative journalism, it consisted of keynotes, panels, workshops or simple presentations on issues connected to narrativity in journalism, which seems to have become a new paradigm after the internet as crushed formulas that existed in print journalism. During those events, speakers and listeners referred to a wide range of exemplary work. I have tried to assemble some of the mentioned texts that appear to me somewhat tied to the overall experience of the conference. And so while the selection is necessarily influenced by the talks I attended, I try to provide ample reasoning for why the texts are included and be transparent about whether or not I have read them.

So here we go:

  • Don Van Natta’s profile of Dallas Cowboys owner Jerry Jones: Van Natta opened the conference with a keynote in which he emphasized the importance of willpower in journalism. He referred mainly to male figures that influenced him (for which he was subtly criticized, for which he apologized, and to which he added that former New York Times editor-in-chief Jill Abramson was one woman the influenced him greatly). He also spoke about the genesis of his profile of Dallas Cowboys owner Jerry Jones and urged listeners repeatedly to „just read it“. I haven’t yet.
  • Mark Bowden’s Huê 1969 is another work which I haven’t yet read but I have heard Mark talk about it on stage and on the Longform Podcast about finding and interviewing Vietnamese survivors of the battle. Additionally, Mark’s diplomatic yet unambiguous answer to my question regarding his perception of the difference between his book Black Hawk Down (which I have read in its original form as a series published by the Philadelphia Inquirer) and the movie adaptation (which I disliked) makes me kind of want to read the book even though I have only so much time to read books.
  • Bjørn Asle Nord’s „Five Feet Under“ however, I have found time to read since he told me about it on our way to the conference reception on Saturday night. Just recently translated into English, it’s a well-designed and intensely dramatic yet beautiful story of an avalanche in the Norwegian mountains (no, don’t worry, anything but another cheap copy of Snowfall). At the reception, Nord (he organizes a similar conference in Norway) told me that it was inspired by a national debate about Norwegian values and identity and I can see how. I definitely cried repeatedly which doesn’t happen often.
  • Ellen Gabler’s „The Price of Being Wrong“ about the arbitrariness of standards in newborn screenings and one boy’s tragic fate would probably make me cry too, albeit for different, darker reasons. I haven’t read it but plan to do so in the near future. I went to two of her talks in which she not only talked about her work but also cited the following stories as role models for her own work: L.A. Times journalist Chris Goffard’s story about a couple who decides to ruin a woman’s life, Boston Globe reporter Jenna Russell’s story about a man diagnosed with mental illness, Ken Armstrong’s Pulitzer-prize winning „Unbelievable Story of Rape“, and Gene Weingarten’s „The Peekaboo Paradox“ about a clown called „Great Zucchini“, which is the only story here that I have read and remember adoring too.
  • Gabler was only one of a lot of women I way very impressed with at the conference. Another one was a seemingly larger figure. To my shame, I had not heard about Roxane Gay before her appearance on Saturday afternoon. Reading and answering questions on stage, she seemed not only full of much-justified confidence and true knowledge and abundant skills but also driven by an iron will and great courage which truly fascinated me. I certainly intend to pick up „Bad Feminist“ soon and I have just finished „The Price of Black Ambition“ which seems to serve as a good introduction to her work.
  • Unlike my knowledge about Gay, I had heard of Lydia Polgreen before she spoke so eloquently about the meta-narratives competing to influence collective U.S. identity and the importance of civic engagement and solidarity. Unfortunately, her speech is not available to read online (yet?) but in it she referred to a recent story about millennials which Michael Hobbes wrote for her Huffington Post and which has garnered a lot of attention and praise. Another one I haven’t read but saved for later.
  • Similar to Polgreen, Boston Globe reporter Eric Moskowitz exuded a sense of deep understanding of journalistic ethos and passion for his work. In his talk filled with tips about how to use ancestry.com or read historical pictures for clues, he also referred to some of his most popular stories like the one about a Boston streetcar crash in 1916 or the reception of the news of JFK’s assassination in Boston (neither of which I have read) all influenced by deep historical research.

These texts may be just a fraction of the ones highlighted at the conference and even only a small selection of the ones I have taken down. But they are the ones that are most memorably connected to experience of the conference; a necessary closure. And – while I have not yet read them all – I am convinced they may help readers experience the – as conference host Mitchell Zuckoff put it in his closing statement – irresistible power of narrative to open, not close, minds.

Image © Power of Narrative conference, Boston University, College of Communications.

Erst ein Anfang

Ich freute mich sehr als ich vor etwa einem Jahr hörte, dass jemand an einem Dokumentarfilm über den Medienwandel arbeitete. An einer Republik-Party wurde mir dann gar ein Mikrofon über den Kopf gehalten, als ich mit Hansi Voigt über das, was er damals glaubs „Uberisierung“ des Journalismus nannte, diskutierte. So musste ich Dieter Fahrers Film Die Vierte Gewalt unbedingt sehen. Meine Besprechung erschien am 20. Februar 2018 in der Medienwoche.

Bild ©Medienwoche

Mit Jenny gegen die Angst

Jenny Kuhn: Und wie isch gange?

Röbi Grimm: Nöd guet!

Eine „Doku-Fiktion“ hat das Schweizer Fernsehen gestern zum 100-jährigen Jubiläum des Landesgeneralstreiks ausgestrahlt. Doch so aufwändig und ambitioniert dieser vorgebliche Zwitter auch umgesetzt scheint, die Fiktion beisst die Doku in den Schwanz. Und dies obschon der Film ganz viel zu bieten hätte: Zahlreiche Historikerinnen und Historiker aus unterschiedlichen Landesteilen erzählen die Geschichte des Konfliktes zwischen Schweizer Armee und Sozialdemokratie im Herbst 1918. Sie argumentieren unterstützt durch Bilder und Zeitdokumente, lassen manchmal durchblicken, dass sie sich nur auf Quellen stützen, ja gar nur vermuten können bei ihren Einschätzungen. Ihre Vielfalt und Transparenz sorgen für eine gewisse Glaubwürdigkeit und damit Information.

Diese Glaubwürdigkeit der Doku wird aber von einer Fiktion untergraben. Diese nachgespielte, fiktionale Erzählung, die man als Ergänzung lesen muss, dramatisiert den Konflikt durch eine Gegenüberstellung von Robert Grimm, Anführer der Arbeiterbewegung und Oberstdivisionär Emil Sonderegger. “Die in diesem Film dargestellten Personen haben tatsächlich existiert”, heisst es im Vorspann. “Die Dialoge und Begegnungen stützen sich auf Dokumente, teilweise sind sie nachempfunden.” Doch was wurde teilweise nachempfunden? Alles? Wenig? Und wann hört eine Person auf zu existieren? Wir erfahren es nicht, können nur hinschauen.

Und da sehen wir “Röbi” Grimm als attraktiven Mann mit Herz und Überzeugungen, der seine zukünftige Frau Jenny im Zug mutig anspricht. Während wir Grimm am Esstisch sehen, wo er vor lauter Sorgen keine Suppe mehr essen mag, erscheint Sonderegger – von dessen erstem Treffen mit seiner Partnerin wir nichts erfahren – im Büro am Telefon kaltherzig Befehle erteilen. Während Grimm seine Partnerin hin und wieder um ihre Meinung bittet, meint Sonderegger zu seiner “kleinen, mutigen Nina” bloss: “Mut ist in Zeiten wie diesen nicht genug.” Nina ist sofort überzeugt und greift zum Revolver.

Dass die beiden Frauen kennenlernten, mit ihnen zusammenlebten und Sonderegger den Konflikt suchte, während Grimm sich friedlich für die Interessen der “einfachen Leute” einsetzte, mag den überlieferten Fakten und den dazwischengeschobenen Einschätzungen der HistorikerInnen entsprechen. Doch das grösste Problem des Films ist, dass ihm die Fakten nicht genügen. Mit – so müssen wir annehmen – erfundenen, “nachempfundenen” Dialogen wird Sonderegger als lächerlicher, ängstlicher Scharfmacher dargestellt, der enttäuscht ist, als “die gottverreckte huere Feigling” den Streik abbrechen und “heil dir, Helvetia” in die Kamera haucht. Und mit ihrer primären Verwendung als Charakterisierungsvehikel für die Männer drängt sich die Frage auf: Was sollen Jenny und Nina in diesem Film?

Mit diesen und vielen anderen Überzeichnungen (ja, Grimm wird vor dem Bundeshaus von einem Soldaten beschimpft, ja, die Welschen haben wirklich Vorurteile gegenüber den Zürchern! Haben Jenny und Röbi die Rede am Schluss tatsächlich im Fernsehen verfolgt?) – riskiert der Film die Glaubwürdigkeit, die ihm die HistorikerInnen und Zeitdokumente verleihen. Die Fiktion widerspricht der Doku, ja zieht sie gar in Zweifel, weil sie den Anschein erweckt, als würde sie nicht reichen.

Wozu also die Verwirrung? Wir können wiederum nur hinschauen – und etwas spekulieren. Weil sie so deutlich wiederholen will, was die Fakten zeigen, so eindeutig einen Bedeutungsüberschuss produziert, erscheint sie zuerst als Ausdruck einer Angst, vom Publikum nicht verstanden zu werden. Doch, doch, schaut bloss ins Wohnzimmer dieser warmen und kalten Menschen, hört sie sprechen, seid beruhigt, genau so wars! So erscheint SRF – man wüsste kaum warum – fast so ängstlich angespannt wie im Film Sonderegger, der den eigenen Bedeutungsverlust fürchtet oder Röbi Grimm, der keine Suppe mehr mag. Jenny Kuhn hätte wohl ein Rezept dagegen. Einfach sagen, was Sache ist: “Ich wett wieder mal mit dir goge tanze!”

Bild: Screenshot © SRF

Die gewollte Realität

Seit Mitte Januar weile ich in Boston und verfolge den Start des neuen Schweizer Online-Magazins Republik daher nur aus der Ferne. Die ambitionierte Reportageserie über die USA-Reise der beiden Journalistinnen Anja Conzett und Yvonne Kunz hat mich aber zu zwei Telefongesprächen mit den Autorinnen und einer umfassenden Äusserung zum Text und der Reportage an sich bewogen. Der Artikel „Die gewollte Realität – zum Zustand der Reportage“  erschien am 1. Februar 2018 in der Medienwoche.

Bild ©Medienwoche

Erfolg ohne Netz

Im Februar 2017 recherchierte ich für das Branchenmagazin Schweizer Journalist einen längeren Beitrag über die Schweizer Zeitschriften (ja, es gibt sie!) welche maximal einmal wöchentlich erscheinen und in den ersten zwanzig Jahren der Schweizer Online-Medien keine LeserInnen verloren haben. Ihre Erfolgsformel: Klare Identität und keine Inhalte online verschenken. Ein Höhepunkt meiner Recherchen war ganz klar das Gespräch mit dem ehemaligen Tagi-Chefredaktor und heutigen Watson-Journalisten Philipp Löpfe, der im Jahr 2000 überzeugt war, dass das Internet dem Tagi nichts anhaben konnte. Er sagte: „Besonders die Newsroom-Strategie ist ein gigantischer Irrweg“. Man könne nicht einfach Inhalte top-down in Auftrag geben, in unterschiedliche Kanäle verteilen oder von Kunden aus dem In- und Ausland einkaufen. Der Versuch, damit den Journalismus zu industrialisieren, ergebe einen austauschbaren Brei ohne Identität. „Ein Verlag ist keine Autofabrik, weil eine diskutierende Redaktion mehr ist als die Summe ihrer Einzelteile.“ Der Artikel wurde im Schweizer Journalist 2+3 (März 2017) gedruckt. Hier ist er in voller Länge zu lesen.


PDF-Version (inkl. Interview mit Gilbert Bühler, Freiburger Nachrichten): Erfolg ohne Netz


Erfolg ohne Netz

20 Jahre nachdem die ersten Schweizer Printmedien Inhalte online publizierten, schreitet der teure Digitalisierungsumbau auf vielen Redaktionen voran. Dabei haben einige der erfolgreichsten Printtitel der letzten Jahre das Internet nicht zuerst als Publikationsmedium verstanden. Und damit einträglich an ihren einzigartigen Marken festgehalten.

Zweieinhalb Jahre nach dem Tages-Anzeiger ging die NZZ online. Im Juni 1997 stand im Blatt, dass „die grosse Internet-Euphorie vieler Verlage bereits abebbt und erkennbar geworden ist, dass sich mit qualitativ hochstehenden Leistungen im Internet kein rasches Geld verdienen lässt.“ Kein rasches Geld: Das stimmt weiterhin. Doch noch heute, 20 Jahre nach Beginn des digitalen Medienzeitalters, stecken Schweizer Medienhäuser Millionen in digitale Projekte, bauen Journalistenstellen ab und schwächen die eigenen Print-Produkte ohne Geschäftsmodelle für digitalen Journalismus gefunden zu haben. Sind diese digitalen Umrüstungen zum jetzigen Zeitpunkt begründet? Wird Print tatsächlich bald sterben?

Nja, es ist kompliziert. Wenn man Leserzahlen und Auflagen der Schweizer Printtitel von 2006 und 2016 (Wemf MACH Basic) vergleicht, fällt auf, dass fast alle Titel verloren haben. Erwartungsgemäss haben national ausgerichtete Tageszeitungen stärker verloren als Regionalzeitungen. Sie befinden sich in stärkerem Konkurrenzkampf mit günstiger oder gar umsonst erhältlichen Angeboten von SRF oder Gratiszeitungen. Viele Regional- und Lokalzeitungen haben ebenfalls eingebüsst und auch gedruckte Zeitschriften haben verloren. Doch bei genauerem Blick lässt sich nicht einzig die Online-Konkurrenz auf dem Leser- und Werbemarkt dafür verantwortlich machen. Beispielsweise weil die Printausgabe von 20 Minuten in den letzten zehn Jahren zugelegt hat. Oder weil noch heute bis auf den Blick alle Zeitungen mehr Print- als Onlineleser verzeichnen. Oder weil die Verluste je nach Medientitel unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Oder eben auch, weil es Titel wie die Freiburger Nachrichten (siehe Interview mit Direktor Gilbert Bühler), die Schweizer Familie oder die WOZ gibt, welche in den vergangenen zehn Jahren entweder bloss marginal verloren oder gar zugelegt haben. Print scheint also immer noch sehr langsam und nur unter Umständen zu sterben.

Diese Widerstandsfähigkeit gedruckter Zeitungen hat Iris Chyi, Professorin für Neue Medien an der University of Austin untersucht. Sie hat unter anderem die Leserdaten der 51 grössten US-Zeitungen analysiert und festgestellt: Die angeblich sterbenden Print-Ausgaben sind ihren angeblich hoffnungsvollen digitalen Gegenstücken noch immer in fast jeder Hinsicht überlegen. Sei es in Bezug auf Leserschaft, Engagement, Werbeeinnahmen oder die Bereitschaft, für das Produkt zu zahlen. Ihre Forschung zeigt auch, dass unter den 18 bis 24-jährigen US-Lesern doppelt so viele die Printausgabe eines bestimmten Titels dem digitalen Angebot vorzogen. Sie findet daher, dass Verleger besser daran täten, in die (immer noch) profitablen Zeitungen und damit ihren unverwechselbaren Inhalt zu investieren, als in teure Digitalisierungsprojekte, welche gleichzeitig die redaktionelle Leistung und damit Inhalt und Identität schwächen.

Es ist unmöglich zu sagen, wie sich die gebeutelten Schweizer Printtitel entwickelt hätten, hätten sie Chyis mit US-Daten begründeten Rat befolgt. Eine Umfrage bei drei der erfolgreichsten Printmarken der letzten zehn Jahre zeigt jedoch: Sie haben ziemlich genau dies getan.

„Wir haben im Verhältnis zu anderen sehr wenig in unseren Webauftritt investiert“, sagt beispielsweise Daniel Dunkel, Chefredaktor der Schweizer Familie. Die Website der Zeitschrift dient in erster Linie als Marketing-Instrument, welches das eigentliche Produkt bewirbt und den Kontakt zur Leserschaft online pflegt. Dunkel und sein Team konnte bis anhin keinen zwingenden Grund ausmachen, die Schweizer Familie für Bildschirme aufzubereiten. Die Leserschaft, über 90% Abo-Kunden, sei sehr print-orientiert. Zwar verfügt die Zeitschrift über ein E-Paper-Angebot. „Das ist aber nicht sehr gefragt. Die Leute haben nicht darauf gewartet“, so Dunkel. Er sieht den Grund des anhaltenden Erfolgs der Schweizer Familie, welche in den letzten Jahren nur marginal an Leserschaft verloren hat (Zahlen in Kasten), in ihrem Charakter als gedruckte Zeitschrift begründet. „Je mehr die Digitalisierung fortschreitet, desto exklusiver wird Print“. Die breite Bevölkerung schätze das Lesen auf Papier, das gedruckte Bild, die sorgfältig gestaltete Grafik eben nach wie vor. „Man kann Inhalte ausschneiden oder das Heft weitergeben.“ Bei der Schweizer Familie ist man dennoch gerade daran, den Webauftritt zu erneuern. „Aufgrund der Performance der Zeitschrift wäre das nicht nötig“, so Dunkel. Er spürt keinen Druck der Leserschaft und wird daher auch nicht einfach den Print-Inhalt online spiegeln, sondern vielmehr eine Service-Plattform mit Rezepten und Ausflugstipps aufbauen, welche einen Zusatznutzen für Abonnenten bieten und eine neue, digital affine Leserschaft anziehen soll.

Ähnlich selbstbewusst ist die WOZ aufgetreten. Die linke Wochenzeitschrift hat in den vergangenen zehn Jahren sowohl Reichweite, wie auch Auflage gesteigert. „Unsere Website ist – ganz altmodisch – die Visitenkarte der WOZ im Internet“, sagt Camille Roseau, im Verlag für digitale Weiterentwicklung zuständig. Zwar hat man in den letzten fünf Jahren viel in die strukturelle Erneuerung des Webauftritts investiert. Doch die Investitionen beschränkten sich darauf, das Design zu modernisieren, die Website für mobile Endgeräte zu optimieren und eine App zu entwickeln. „Redaktionell investieren wir aber nur sehr wenig in die digitale Ausgabe. Wir publizieren auf allen Kanälen praktisch die gleichen Inhalte, welche aus Text und Bild bestehen“, so Roseau. Diese Inhalte sind bis auf wenige Ausnahmen, von welcher sich die Redaktion Erfolge in den sozialen Medien verspricht, nur für zahlende Leserinnen und Leser zugänglich. Auch das Abo gibt es nicht günstiger in Digitalvariante. Roseau begründet: „Für uns ist die WOZ ein journalistisches Projekt, das dank seiner Leserschaft Bestand hat. Daher richtet sich der Beitrag, den eine Abonnentin oder ein Abonnent bezahlt, nicht nach dem Kanal, über den die WOZ gelesen wird“. Ausschlaggebend sei vielmehr, wie viel Leserinnen und Leser zu bezahlen im Stand seien.

Dass Zeitschriften, welche nicht täglich erscheinen, besser mit dem Wandel umgehen können, ist nicht besonders erstaunlich. Daher fällt besonders der Erfolg der Freiburger Nachrichten ins Auge. Der Titel hat in den vergangenen zehn Jahren als einzige Schweizer Tageszeitung abgesehen von 20 Minuten nicht an Leserschaft und kaum an Auflage verlorenen. Direktor Gilbert Bühler (siehe Interview im PDF unten) begründet diesen Erfolg mit konsequentem Fokus auf die Region und die damit verbundene Einzigartigkeit der Zeitungsinhalte, welche man online keinesfalls gratis anbietet. Wer digital lesen will, kann das. Er muss aber zwingend bezahlen. „Bei einer Redaktion unserer Grösse kann man nicht sparen ohne das publizistische Angebot zu schmälern“, sagt Bühler, der neben der Freiburger Nachrichten noch zwei weitere Lokalzeitungen herausgibt. Man müsse in diesem Geschäft ganz nahe an der Leserschaft sein und diese spüren. „Murtner sind keine Sensler. Die ersten sind historisch reformiert und freisinnig, die anderen ursprünglich katholisch-konservativ. Unsere drei Zeitungen sind seit langer Zeit politisch und konfessionell neutral“. Bühler sieht seine Lokalzeitung zwar in einem schwächeren Konkurrenzkampf als andere Schweizer Tageszeitungen. In dieser Situation eines Quasi-Print-Monopols sehen sich aber viele Zeitungen mit regionalem Fokus, die in den letzten zehn Jahren stärker verloren haben als die Freiburger Nachrichten.

Ein Grund, der überall von den Verlegern für die Verluste angeführt wird, ist der angespannte Werbemarkt. Tatsache ist, dass die Werbeumsätze in den letzten fünf Jahren um 28% eingebrochen sind. Die Umsätze der Printmedien sind aber weiterhin auf einem hohen Niveau, nämlich fast doppelt so hoch wie zum Beispiel TV-Werbung. „Klar hat Print massiv an Rubrikenanzeigen verloren, aber ein Teil davon wird immer bleiben“, sagt Urs Schneider, Gründer und Verwaltungsrat der mediaschneider Gruppe. „Es gibt zum Beispiel einen Rubrikenmarkt für Leute, die sich ständig vorstellen könnten, die Wohnung oder den Job zu wechseln, aber dafür nicht bewusst auf der entsprechenden Plattform suchen.“ Die Rubriken, welche ins Internet abgewandert sind, würden den grössten Teil des Kuchens ausmachen. Auch die kommerzielle Werbung in den Printmedien hat abgenommen. Wie viel davon ins Internet abgewandert ist kann man aber nicht genau feststellen. „Google macht zum Beispiel keine Angaben über seine Werbeumsätze“, so Schneider, der an Print glaubt. „Grundsätzlich geht die Werbung da hin, wo die Aufmerksamkeit ist. Das ist ein Gesetz wie das Amen in der Kirche“. Für Schneider punktet Print durch die hohe Akzeptanz der Werbung bei der Leserschaft. „Man kann digital mittlerweile sehr viel machen. Search, response, verlinken, Videos, aber eben nicht alles.“ Während er bei den Verlagen immer noch ein „Silodenken“ feststellt, welches die kreative Umsetzung konvergenter Kampagnen erschwert, beobachtet er bei vielen Werbekunden Zahlengetriebenheit. „Man will für die grossen Summen, die man einsetzt eine gewisse Wirkungsgarantie. Ein Grossteil der kommerziellen Werbung ist auf Preisaktionen fokussiert, um den Abverkauf kurzfristig zu steigern.“ Für derartige Low Interest-Produkte gehe das nun mal einfacher mit digitalen und audiovisuellen Medien, welche quasi aufgedrängt werden. Für qualitativ hochwertige Kommunikation hingegen sieht er Print viel besser geeignet. „Mit Print kann man Marken schaffen“.

Philipp Löpfe wusste um diese Vorzüge der Zeitung, als der damalige Chefredaktor des Tages-Anzeigers im Dezember 2000 vor die Tamedia-Kaderleute trat. Er versicherte ihnen, dass das Internet dem „Tagi“ nichts anhaben konnte. Aus seiner Sicht hatte die Zeitung eine klare Identität als Gemeinschaftsprodukt. Damit sei sie ideal gegen den Individualisierungstrend im Internets gerüstet. In der Rede, die auch im Blatt abgedruckt wurde, sagte er: „Die professionelle Gatekeeper-Funktion der Redaktion kann nicht individualisiert werden, sie ist per definitionem auf die Masse, auf die Gemeinschaft ausgerichtet.“ Daher stärke der Online-Auftritt des Tages-Anzeigers die gedruckte Zeitung, indem dieser Individualisierung biete. Allerdings nur unter der Bedingung, dass die Marke als Gemeinschaftsprodukt nicht verwässert würde. Löpfe war überzeugt: „Nur wer ein Premium-Produkt anbietet, kann auch einen Premium-Preis dafür verlangen.“ Löpfe, heute als Wirtschaftsjournalist bei watson tätig, hat seine Ansichten nicht geändert: Ein journalistisches Medium zeichnet sich für ihn zuerst als emotionales Gemeinschaftsprodukt einer Redaktion mit klarer Identität aus. „Besonders die Newsroom-Strategie ist ein gigantischer Irrweg“. Man könne nicht einfach Inhalte top-down in Auftrag geben, in unterschiedliche Kanäle verteilen oder von Kunden aus dem In- und Ausland einkaufen. Der Versuch, damit den Journalismus zu industrialisieren, ergebe einen austauschbaren Brei ohne Identität. „Ein Verlag ist keine Autofabrik, weil eine diskutierende Redaktion mehr ist als die Summe ihrer Einzelteile.“ Mit einer klassischen Redaktionsstruktur flösse einerseits mehr in jede Geschichte, es passierten weniger Fehler. Andererseits würde man aber auch andere Journalisten anziehen. Für Löpfe geht das auch bei einem Online-Medium wie watson, wo man täglich an der 8.30 Uhr-Sitzung über die eigene Identität diskutiere. Im Vergleich zu Newsnet-Newsroom-Zeiten fühle er sich stärker verantwortlich fürs Produkt. Sein Fazit: „Nur eine diskutierende Redaktion könnte eine neue Zeitung denken. Viele Medienmarken sind aber gerade daran, das Kind mit dem Bade auszuschütten.“

Andreas Häuptli, Geschäftsführer des Verbands Schweizer Medien ist ähnlich kritisch, obschon er die Newsroom-Strategie nur als risikoreich betrachtet, sollte sie in der Umsetzung zu einer Verluderung in den Abläufen im Zuge des digitalen Temporauschs führen. Vielmehr stellt er fest, dass in vielen Verlagshäusern im „Experimentiermodus“ vergessen geht, was man an der gedruckten Zeitung hat. Er gibt zu, dass man in den vergangenen Jahren zu wenig gemacht hat, um Werbekunden die vergleichsweise hohe Wirkung und Kontaktqualität von Printwerbung zu kommunizieren. Er bezeichnet durchlässige Paywalls als „Zwitterlösungen“, weil damit immer noch online Inhalte verschenkt werden, die in Print kosten. Und er sagt: „Indem man bei Print die Preise erhöht, gleichzeitig aber online Inhalte verschenkt, geht man zwei Risiken ein: Erstens, dass man die Loyalität der Stammleser gefährdet. Und zweitens, dass man die Hürden für potenzielle Neuabonnenten sehr hoch ansetzt, gerade bei jungen Lesern.“

Ob und wie schnell Print stirbt, scheint vorläufig also noch immer zu grossen Teilen in den Händen vieler Verlage. Zwar befinden sich viele Printmarken in erheblichen Identitätskrisen, weil sie sich vom Internet in einen neuartigen Spagat zwischen zwei Geschäftsmodellen mit digitalem (welch traumhafte Reichweite!) und gedrucktem Journalismus (welch treue Leserschaft!) locken lassen. Doch für Printtitel, die im von Glaubwürdigkeit geprägten Mediengeschäft der digitalen Verlockung vorsichtig begegnen, zahlt sich die Beharrlichkeit noch immer aus. Wer sich nicht in einen schmerzhaften Spagat begibt, muss auch nicht das fast Unmögliche leisten: Einen solchen glaubhaft als aufrechten Stand zu verkaufen.